Gelbes
        
 Reich          

 

Virtuelles Edelstahlrohr in einer virtuellen Welt


Vor Kurzem nahm mein Leben einen Exkurs in ein anderes Leben. In mein zweites Leben. So versprach man es mir zumindest. Ich lud mir die Software “Second Life“ aus dem Internet runter. Meine Töchter waren ganz begeistert von diesem Spiel im Internet, von dem sie mir versicherten, dass es wie das echte Leben sei, nur aufregender.

Ich bin kein altmodischer Kauz und hatte auch schon allerhand von diesem Second Life gehört. Außerdem gebot mir meine väterliche Pflicht, dieses Second Life mal unter die Lupe zu nehmen, dass meine beiden Töchter im Internet führten. Um meinem Forschungsdrang möglichst ungestört nachzugehen, erzählte ich meinen Töchtern nichts über mein Vorhaben. Ich ergriff die Möglichkeit, als meine Frau am Wochenende arbeiten musste. Meine Töchter waren außer Haus und würden erst gegen Nachmittag zurückkommen. Zeit genug für mich, um einen prüfenden Blick in dieses Spiel zu werfen. Auch wenn ich mir selbst nicht viel davon versprach, so war mir durchaus bewusst, dass auch viele erwachsene Menschen in Second Life unterwegs sind. Ich hatte mal eine Reportage im Fernsehen über eine Frau gesehen, die ihren Mann und ihre Kinder fast wegen einer Liebschaft aus Second Life verlassen hätte. Die betreffende Frau saß stundenlang vor dem Computer und frönte ihrer digitalen Liebe, während ihr Ehemann eine ernste Krise heraufdämmern sah. Doch letztendlich ging alles gut, als die Frau doch wieder zur Besinnung kam. Ihr Online-Casanova hatte sie verlassen. Zum Glück dürfen unsere Töchter nie länger als eine Stunde an den Computer. Wir sind da ganz strikt.

Ich loggte mich um 10 Uhr 47 das erste Mal in Second Life ein. Durch zahlreiche Ausführungen meiner Töchter wusste ich, dass ich einen Avatar zugeteilt bekommen würde, der “voll normal“ aussieht. Ich hatte ohnehin nicht vor mein Aussehen auszuschmücken. Für meine kurze Expedition würde ein normaler Avatar schon reichen. In einem kurzen Trainingsprogramm für Anfänger auf einer Startinsel wurde ich mit den grundlegenden Funktionen des Spiels vertraut gemacht. Ich erfuhr sogar, dass man in Second Life Geld verdienen und ausgeben konnte. Es war auch möglich, Grundstücke zu erwerben und auszubauen. Eigentlich war soweit alles völlig harmlos.

Als ich den Grundkursus abgeschlossen hatte (der seltsamerweise auch das gezielte Überfahren einer Ratte beinhaltete), wollte ich mich sogleich unter “Menschen“ begeben. Schließlich wollte ich die sozialen Aspekte von “Second Life“ kennenlernen. In einer nett designten Ortschaft, die mediterran aber auch irgendwie tropisch wirkte, traf ich auf eine Ansammlung mehrerer Mitspieler. Sie schienen ins Gespräch vertieft, wie ich anhand ihrer Finger sehen konnte, die lustig in der Luft umhertippten. Ich näherte mich ihnen, um ihr Gespräch mitlesen zu können. Sie schienen über einige “Add-ons“ zu reden, die sie gekauft haben. Damien sagte Braden, dass er sich ein Boot gekauft habe. Braden hat sich ein neues Rohr gekauft. Das erschien mir sonderbar.

Ich schaltete mich ein: „Hi.“
Braden: „Hi.“
Damien: „Hi.“
Ich: „Was, ein Edelstahlrohr?“
Damien: „lol“
Braden: „lmao“
Ich: „Was?“
Damien: “Voll der Noob!“
Braden: „^^.“
Ich: „Was ist ein Noob.“
Braden: „Du.“
Damien: „Imao“
Ich: „Ich habe doch nur nach dem Rohr gefragt ?“

Braden zeigte mir daraufhin sein Rohr. Es enthielt nur wenig Edelstahl. Es war gepierct. Ich empfahl ihm noch eine Rohrschelle und loggte mich auf der Stelle aus. Am Abend musste ich mit meinen Töchtern reden.